Ich kann mich noch erinnern.
Ich kann mich noch erinnern, wie ich an einem ganz unscheinbaren Tag meine Schuhe anzog, einmal über den Parkplatz lief, die kleinen Treppen hinaufkraxelte, meine Schuhe wieder auszog und so lange am Fenster klopfte, bis sich der Vorhang schnell öffnete und mir ein wunderschönes Gesicht mit einem ehrlichen Lächeln entgegenstrahlte.
Die Terrassentür ging auf und schon spürte ich die warmen Hände als ich eine herzliche Umarmung bekam.
So schnell konnte niemand schauen, war ich schon in der Speis. Ich wartete darauf, dass mich jemand hochhob, damit ich mir vom Regal einen Lutscher oder ein Zuckerl aussuchen durfte. Meistens gab es danach noch ein Fridolin-Eis. Ich weiß nicht, wo es dieses Eis zu kaufen gab – aber ich weiß ganz genau, wo wir es immer bekommen haben.
Nie hungrig setzte ich mich auf den feinsten Sessel, den ich kannte, oder auf die Couch mit dem coolen, höhenverstellbaren Couchtisch. Dieser Tisch hat mich schon damals fasziniert.
Mit der in Folie eingewickelten Fernbedienung schaute ich so lange Mannei – bis sich die Wohnzimmertür öffnete und es Zeit für eine gute Jause mit ganz vielen Essiggurken war.
Später musste ich aufs Klo. Und dieses Klo war so niedrig, dass sogar ich kleiner Stotz mir das gemerkt habe. Mit dem Lufterfrischer spielte ich dann so lange, bis er irgendwann leer war. Böse war mir deshalb aber nie jemand.
Wenn ich danach wieder im Wohnzimmer saß und sich ein Auto der Einfahrt näherte, wurde die Fanta, die sonst immer griffbereit war, kurz zur Seite gestellt. Schon stand jemand vor dem Vorhang und wartete gespannt darauf, wer wohl aus dem Auto aussteigen würde.
Eine andere Erinnerung führt mich ins Krankenhaus nach Kufstein. Ich war dort, um jemanden zu besuchen, und bin gemeinsam mit einer Dame im Rollstuhl so schnell durch die Gänge gedüst, dass unser Lachen wahrscheinlich in allen Zimmern zu hören war.
Angekommen in der Cafeteria durfte ich mir etwas aussuchen und entschied mich für eine Breze. Als die Bedienung hinter der Budl zu mir sagte, wie brav ich doch wäre, meine Oma zu besuchen, entgegnete ich ihr ganz selbstverständlich:
„Des is nid mei Oma. Des is de Juli.“
Und mehr Worte brauchte es nicht.
Egal, ob Mama, Schwester, Oma, Tante oder einfach nur Freundin – die Juli war die Juli.
Eine Frau, die die Bedürfnisse anderer oft vor ihre eigenen stellte. Eine Frau, die immer etwas Süßes zu Hause hatte, falls die Kinder zufällig vorbeikamen. Eine Frau, die keine Sekunde zögerte, wenn jemand ihre Hilfe brauchte.
Neben Radfahren, Puzzeln, Kreuzworträtsel lösen und auf Stelzen gehen, hat uns die Juli vor allem eines mitgegeben:
Sie hat uns gelehrt, dass man mit Ehrlichkeit am weitesten kommt. Dass Hilfsbereitschaft nichts mit den anderen, sondern ganz viel mit einem selbst zu tun hat. Und dass ein bisschen gesunde Neugier im Leben nie schlecht ist.
Wenn ich heute meine Erinnerungen mit euch teile, dann tue ich das mit einem weinenden und einem lachenden Auge.
Mit einem weinenden Auge, weil ich die herzliche Umarmung meiner Juli nie mehr physisch spüren werde.
Und mit einem lachenden Auge, weil ich weiß, dass in dieser Umarmung so viel Liebe gesteckt hat, dass ich sie für immer spüren werde, sobald ich mich daran erinnere.
Heute sitzt die Juli oben im Himmel – wahrscheinlich gerade beim Kreuzworträtsel lösen – und der Sepp sitzt in der Küche und schaut Fußball.
Und während die beiden dort oben ihre Zeit verbringen, bin ich mir sicher, dass die Juli auf uns herunterschaut, uns auf den richtigen Weg lenkt und uns bei all unseren Schritten beschützt.
Juli, danke für deine Zeit.
Danke für dein Lachen.
Danke für deine offenen Arme.
Und vor allem: Danke für deine Liebe.
Ich hab dich lieb.
Deine Denise